Wir kämpfen seit Monaten gegen die Corona-Pandemie. COVID-19 kann wie etwa auch Grippeviren Schwangerschaften (im 1.Trimester) beeinflussen. Können Infektionen mit COVID-19 zu Frühgeburten führen und Ursache einer anormalen Gehirnentwicklung sein?

Prof. Binder: Soweit wir wissen, besteht bei Schwangeren ein erhöhtes Risiko für einen schwereren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung. Auch scheint ein Risiko für Frühgeburten zu bestehen. Fälle, bei denen Neugeborene von ihren COVID-19-positiven Müttern angesteckt wurden, sind selten. Bei Neugeborenen, bei denen nach der Geburt eine COVID-19-Infektion nachgewiesen wurde, ist oftmals nicht klar, ob sie mit dem Virus vor, während oder nach der Geburt von einer infizierten Person angesteckt wurden. Die meisten dieser Neugeborenen hatten keine Symptome oder einen milden Verlauf. Es gibt allerdings auch einige Berichte über Neugeborene mit schweren Verläufen. Wenn über Schwangerschaftsprobleme und Frühgeburten bei COVID-19 positiven Müttern berichtet wurde, ist unklar, ob diese auf das Virus zurückgeführt werden können.

Frühgeborene benötigen besondere Pflege, um sich zu entwickeln. Warum kommt es Ihrer Meinung nach zu Frühgeburten? Welche gesundheitlichen Probleme neurologischer Art können nach einer Frühgeburt auftreten?

Prof. Binder: Das Gehirn hat seinen Reifungsprozess zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht abgeschlossen. Es entwickelt sich nach der Geburt noch weiter. Natürlich braucht es dazu sowohl in der Gebärmutter als auch nach der Geburt optimale Bedingungen. Bei Frühchen, deren Organe noch nicht ausgereift sind, ist das Risiko von Komplikationen besonders hoch: Das Gehirn kann unter Sauerstoffmangel, Durchblutungsstörungen oder Infektionen leiden. Die Atmung stellt eines der größten Probleme für unreif geborene Babys dar. Fast alle Kinder, die vor der 30. Schwangerschaftswoche entbunden werden, benötigen zu Beginn eine Atemunterstützung. Extreme Frühchen können oft noch gar nicht selbstständig atmen und müssen beatmet werden.

Selbst nach der 35. Woche wiegt das Gehirn eines Babys nur zwei Drittel dessen, was es nach etwa 40 Wochen wiegen würde. Wenn also ein Kind auch nur wenige Wochen früher geboren wird, findet wichtiges Gehirnwachstum außerhalb der Gebärmutter statt. Da zu diesem Zeitpunkt auch die Entwicklung der Lungen noch nicht abgeschlossen ist, besteht die Gefahr eines Sauerstoffmangels. In dieser Frühphase ist eine Betreuung durch kompetente Neonatologen in Einrichtungen mit NICUs notwendig. Dort wird auch eine spezielle Förderung im Sinn einer Entwicklungspflege angeboten. Da Frühgeborene erwiesenermaßen ein höheres Risiko aufweisen, an einer Cerebralparese zu erkranken und auch Verhaltens- und sozial-emotionale Probleme sowie Lernschwierigkeiten zu entwickeln, ist im Weiteren der nahtlose Übergang in ein Förderprogramm notwendig. Dieses besteht aus regelmäßigen Entwicklungskontrollen und davon abgeleiteten individuell problemorientierten therapeutischen Maßnahmen, die dem Alter des Kindes angepasst sein müssen. Ein entscheidender Zeitpunkt dafür ist das 3. Lebensmonat. Wenn bestimmte motorische Fähigkeiten erreicht werden, kann eine erste Vorausschau auf die künftige Entwicklung getätigt werden.

Welche Therapien werden im ADELI Medical Center angeboten? Welche helfen am meisten?

Prof. Binder: Im ADELI Medical Center wird das sogenannte ADELI-Programm für Kinder im Alter von sechs Monaten und zwei Jahren angeboten. Das mehrdimensionale Förderprogramm unterstützt und fördert die körperliche, mentale und sprachliche Entwicklung. Das Programm beinhaltet neurophysiologische Bewegungstherapien nach Bobath, Kabat (PNF) und Vojta, Entspannungsmassagen, Reflexzonentherapien, Sprachtherapien und nicht zuletzt eine Elternschulung. Entwicklungsverzögerungen und eine Cerebralparese stellen ein langandauerndes Problem dar. Aus diesem Grund bietet das ADELI Medical Center nach dem zweiten Lebensjahr eine weiterführende Förderung beziehungsweise Rehabilitation für Kinder zwischen dem zweiten und 18. Lebensjahr und auch darüber hinaus an. Die Maßnahmen werden nicht nur an das jeweilige Alter angepasst, sondern auch die sozialen Anforderungen werden in Vorbereitung auf die alltäglichen Aktivitäten adaptiert. Das bedeutet, dass zusätzliche Therapieformen wie beispielweise Schlingentisch, Ergotherapie, Kognitotherapie, Manualtherapie, Biofeedback, Hydrotherapie und sogar Art-Therapie hinzukommen. Auch die hyperbare Sauerstofftherapie kann für bestimmte Indikationen herangezogen werden.

Cerebralparesen sind bedingt durch eine frühkindliche Hirnschädigung und führen zu Aktivitätseinschränkungen des Kindes. Diese können sehr mild ausgeprägt sein und etwa nur zu einer leichten Auffälligkeit beim Gehen führen. Das Spektrum umfasst jedoch auch Kinder mit schweren motorischen Störungen, Beeinträchtigungen der Kommunikation, der geistigen Entwicklung sowie des Schluckens. Seit Jahren versuchen Ärzte weltweit, diesen Kindern zu helfen. Welche Rehabilitationsbehandlungen werden in den vergangenen Jahren bevorzugt angewendet?

Prof. Binder: Der Begriff Cerebralparese ist ein Sammelbegriff für eine Gruppe von Erkrankungen. Deren Ursache ist eine Schädigung des Gehirns zu einem frühen, noch unreifen Zeitpunkt. Dieser kann in der Schwangerschaft, um den Geburtszeitpunkt herum oder in der Neugeborenenzeit liegen. Ein besonders hohes Risiko für die Entwicklung einer Cerebralparese haben Kinder, die zu früh auf die Welt kommen und im Rahmen dieser Frühgeburtlichkeit etwa an einer Sauerstoffunterversorgung leiden.

Cerebralparesen können aber auch durch eine Infektion oder Eklampsie während der Schwangerschaft, als Folge von Geburtskomplikationen oder in der Zeit nach der Geburt durch Infektionen mit Hirnhaut- oder Hirnentzündung, Trauma, oder sogar durch einen Schlaganfall entstehen.

In der Motorik unterscheidet man vier Typen an Auffälligkeiten, die aber nicht unbedingt voll ausgeprägt sein müssen: Spastische Hemiplegie, spastische Diplegie, spastische Quadriplegie und ein athetoid/extrapyramidales Bild. Gleichzeitig können Schluck- und Sprechstörungen (beim athetoiden Bild), kognitive Beeinträchtigungen und epileptische Anfälle (bei Quadriplegie) oder auch „nur“ Lernschwäche (bei Diplegie) vorkommen. Die Rehabilitationsbehandlung richtet sich abgesehen von einer allgemeinen Entwicklungsförderung nach dem spezifischen Defizit. Im Fall der Spastizität geht es um die Vorbeugung und Reduktion des Muskeltonus, der sich üblicherweise in den ersten vier bis sechs Jahren entwickelt. Weiters geht es auch um die Verhinderung von Folgeerscheinungen wie Kontrakturen und Schmerzen einerseits und Muskelschwund andererseits. In Zusammenhang damit steht das Bestreben, Fehlhaltungen sowie falsche Bewegungsmuster zu verhindern und ein möglichst normales Bewegungsmuster etwa für den Gang zu entwickeln.

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen? Was hilft Kindern mit Cerebralparese am meisten?

Prof. Binder: Für jede Entwicklungsverzögerung und -behinderung gibt es spezielle Therapien und Förderangebote, über die international Konsens besteht. Wesentlich aber sind zwei Grundsätze, die für jede Rehabilitation gelten: Vertrauen und Teamarbeit unter Einbeziehung des Patienten und der Familie. Das gilt besonders für Kinder mit Cerebralparese. Die Kinder müssen Vertrauen zu jedem einzelnen Teammitglied haben. Sie müssen Empathie und Engagement spüren. Denn diese Faktoren sind wesentliche Motivatoren für die oft anstrengende Therapie. Und sie müssen gehört werden, was ihre Anliegen, ihre Ansprüche betrifft. Das gilt natürlich auch für ihre Familie. Nur wenn sie alle – Kind, Eltern und Therapeuten – eine Einheit bilden, können sie erfolgreich sein.

Wie viel Rehabilitation sollte ein Kind mit Cerebralparese jährlich bekommen, damit die Behandlung Ergebnisse bringt?

Prof. Binder: Kinder mit Cerebralparese benötigen permanent Therapie. Wirksam hat sich eine Kombination aus wiederholten Modulen mehrwöchiger Intensivtherapie mit einer im Intervall gelegenen Erhaltungs- beziehungsweise Übungsphase mit reduziertem Therapieaufkommen gezeigt. Dieses nachweislich effektive Therapieschema wird seit Jahren im ADELI Medical Center verfolgt. Entscheidend für den Erfolg der Intensivtherapie ist eine exakte Erhebung des jeweiligen aktuellen Zustands. Nach deren Ergebnis richtet sich dann schwerpunktmäßig das therapeutische Programm. Die Dauer eines solchen Moduls ist auch international individuell unterschiedlich und beträgt im Fall des ADELI Medical Centers zwischen zwei und vier Wochen mit einer Therapiefrequenz von vier bis fünf Stunden pro Tag an sechs Wochentagen. Jedem Kind beziehungsweise jedem Patienten ist ein Team an Therapeuten zugeordnet, das nicht nur für die Dauer des einzelnen Moduls, sondern auch – soweit möglich – für die folgenden Module bleibt. Am Ende jedes Moduls wird der aktuelle Zustand erhoben und mit dem Aufnahmebefund verglichen. Danach wird eine Empfehlung für den Zeitpunkt des nächsten Moduls gegeben und für die Zeit bis dahin ein Heimprogramm – im Fall der Kinder mit den Eltern, im Fall von Erwachsenen mit ihnen und ihren Angehörigen – besprochen.

Ist es für den Therapiefortschritt und -erfolg besser, wenn Kindern mit ihren Eltern trainieren? Ist Bewegung zuhause wichtig und in welchem Umfang?

Prof. Binder: Zwischen den einzelnen Therapiemodulen ist eine Erhaltungstherapie unumgänglich, um nicht beim nächsten Modul quasi wieder bei null beginnen zu müssen. Die Art der Therapie wie auch die Frequenz wird bei der Entlassung mit den Eltern besprochen, die im besten Fall bereits während des Aufenthalts im ADELI Medical Center vom Therapeutenteam eingeschult wurden. Wenn dies nicht möglich ist, werden Empfehlungen bezüglich einer wohnortnahen Therapie gegeben.

Angenommen, es befinden sich in der Bevölkerung mehrere infizierte Schwangere. Sollte man auf mehr Warnsignale bei der Entwicklung der Babys vor und nach der Geburt achten?

Prof. Binder: Abgesehen von den für COVID-19 unabdingbaren Hygienemaßnahmen gibt es für die Betreuung der Babys keine abweichenden Bedingungen. Üblicherweise werden die Kinder bereits eine Woche nach der Geburt erstmalig auch in Bezug auf Motorik und Reaktionen auf die Umwelt untersucht. Die nächste Untersuchung findet üblicherweise nach dem ersten Lebensmonat statt. Weitere Kontrolluntersuchungen sollten innerhalb des ersten Jahres mit ungefähr drei, sechs, neun und zwölf Monaten folgen. Diese Kontrollen sind wichtig, denn im ersten Lebensjahr erfährt das Kind das stärkste Gehirnwachstum. Weitere Kontrollen können in zunehmend größeren Abschnitten durchgeführt werden: Im 15., 18. und 24. Monat und ab dann jährlich.

Dafür gibt es sogenannte Meilensteine, die Körpermotorik, Handmotorik, Kognition, Sprache und Sozialisation betreffen. Diese Untersuchungen sollten von erfahrenen Pädiatern, Neuropädiatern, aber auch Therapeuten durchgeführt werden. Nicht als Ersatz, aber als grobe Richtlinie für die Eltern kann ich sagen: Sechs Wochen: das Kind lächelt, zwei bis drei Monate: das Kind hebt den Kopf beim Liegen von der Unterlage, vier bis acht Monate: das Kind dreht sich auf den Bauch, später auch auf den Rücken, sechs bis neun Monate: freies Sitzen, acht bis 11 Monate: Hochziehen in den Stand, neun bis zehn Monate: das Kind kann einfache zweisilbige Wörter wie „Papa“ und „Mama“ sagen.